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Geschichte des Monats

Geschichte des Monats Mai 2021

Das Kirschbaumharmonium

Am weiten südlichen Himmel wohnten viele Blumenelfen. Sie sahen ganz lieblich und zart aus, mit Bäckchen wie Pfirsichsamt, und waren in hauchdünne, milchfarbene, elfenbeinzarte Kleider gehüllt. Blütenduft umströmte sie.

Auf der Erde unterhalb der Himmelssphäre, in denen die Elfen wohnten, waren die Wiesen immer mit bezaubernden Blumen in vielen Farben übersät – rot, lila, gelb, weiß und rosa. Freilich die Menschen, die über die Wiesenwege gingen, konnten die Gestalt der Blumenelfen mit ihren bloßen Augen nicht sehen. Doch viele wunderten sich, dass der Himmel da, wo die Elfen ihr Heim hatten, immer mit milchfarbenen Wolkenschleiern überzogen war und dort eine so warme Luft wehte.

Eines Tages sagten die Elfen zueinander: „Nun ist hier bei uns der Frühling eingekehrt. So sollen auch in den Ländern im Norden, in denen es kühler ist, die Blumen blühen.“ Und sie begaben sich in die nördlichen Gefilde.

Als die Elfen in die Berge und Felder im Norden geflogen waren, begannen sie dort warme Luft über das Land zu blasen. Sie spitzten ihre kleinen Münder und pusteten mit vollen Backen die Luft heraus: „Pfff …! Pfff!“ Schließlich regten sich auch die kleinsten Blumen in ihren feinsten Trieben unter der Erde, ihre Blättchen lugten aus der Erde hervor, und bald öffneten sich die zarten Blütenkronen. Blumen und Elfen drehten sich zusammen im Frühlingsreigen.

Danach strebten die Elfen in eine Gegend, wo der Schnee noch nicht geschmolzen war, nämlich in das Land um den hohen Berg, der wie ein Sägezahn aussah. Er glitzerte prächtig im Firn. Am Fuße des Berges standen wilde Kirschbäume. Ihnen versuchten nun die Elfen mit ihren sonnenwarmen Atemwogen rosa Blütenflor zu entlocken. Eine Elfe unterbrach seufzend ihre Bemühungen und sagte: „Wie soll das jemals nur werden? Bei aller Liebe, die ich an jenen Kirschbaum verschwende, wollen sich keine Blütenspitzen zeigen! Ich kann so viel warmen Atem hin blasen, wie ich will, es hilft alles nichts, es kommen keine Blüten!“

„Wo ist denn dein Baum?“ riefen die anderen Elfen. „Wir wollen einmal nachschauen!“ Sie wippten herbei und versuchten, mit voll aufgeblasenen Backen besonders viel warme Luft heraus zu pusten. Der Stamm des Kirschbaums hatte dicke Knorren; auch an diesen bliesen die Elfen mit vollen Backen „Pfff …! Pfff…!“

Schließlich öffneten sich an einzelnen Stellen ein paar Blüten, langsam kamen an den Zweigspitzen immer mehr heraus. Da seufzte der Kirschbaum auf und sagte: „Vielen Dank, vielen Dank, ihr Elfen! Ich habe schon so viele Jahre hinter mich gebracht und überstanden. Doch nach langer Zeit stehe ich jetzt endlich wieder voll in Blüte!“

Die Elfen freuten sich sehr, und sie bewunderten den Baum mit seinen vielen rosa Blüten. Aber dann nahmen sie Abschied von ihm und flogen wieder in ihr Elfenreich zurück.

Der Frühling ging vorüber, und es kam der Sommer. Die Elfen zogen nun mit dem Sonnenschleiern über die Wiesen zu Füßen des Sägezahn-Berges und brachten den Bergblumengarten voll zum Erblühen. Die Wiesen tranken das Sonnenlicht.

Bei einem Ausflug wollten die Elfen auch ihren Freund, den alten Kirschbaum besuchen. Doch als sie zu der Baumgruppe kamen erschraken sie: Der alte Kirschbaum war gefällt worden.

Die Himmelsfeen brachen einen grünen Zweig ab und legten ihn neben den gefällten Stamm. Dann umringten sie ihn und standen still da. „Das ist traurig,“ sagten sie.

Im Winter wurde der Kirschbaum, der den Atem der Elfen empfangen hatte, in eine Werkstatt in einer fernen Stadt gebracht. Dort wurde er in ein Harmonium verwandelt und gab einen wunderbaren warmen, melodischen Klang.

Eines Tages kam die Lehrerin eines Kinderheimes und probierte das Harmonium aus. Der Klang des Harmoniums gefiel ihr so gut, dass sie es für ihre Kinder kaufte. So kam der Kirschbaum - nun als Harmonium – zurück zu den Bergen, wo das Kinderheim stand, in welchem viele Kinder wohnten.

Als nun der Frühling ins Land gezogen war, ließ die Lehrerin des Kinderheims das Harmonium ins Freie bringen. Die Kinder umringten es, tanzten im Kreis und sangen zu den frohen Klängen, die aus dem Harmonium strömten:

„Wir sind die Blumen,
rot gelb und blau und weiß,
wir tanzen fröhlich rundherum
und bilden einen Kreis

Wir laufen eng zusammen
zu einem Blumenbund,
wir hüpfen auseinander
und öffnen weit das Rund.

Da scheint die helle Sonne
in unsern Kinderkreis
der aufblüht und sich wieder schließt,
wie’s schöner niemand weiß.

Wir öffnen unsere Blüten
dem warmen Sonnenschein,
und springen alle kunterbunt
ins grüne Land hinein.“



Aus: Unter dem Lächeln Buddhas. Märchen aus Indien und Japan. Übersetzt und erzählt von Margareta von Borsig. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 1988



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